I. Öffentlich bekannte Geschichte
Die ältesten Spuren
Wann die ersten Menschen das Gebiet der heutigen Markgrafschaft besiedelten, ist nicht mehr festzustellen. Im Dornbruch, an den Rändern der Weitenmark und unter den ältesten Teilen Silberwachts finden sich Gräber, behauene Steine, verfallene Terrassen und Reste alter Wege, deren Ursprung keiner erhaltenen Schrift mehr zugeordnet werden kann.
Nichts hiervon beweist, dass bereits damals eine geschlossene Herrschaft bestand. Wahrscheinlicher ist, dass sich zunächst Fischer, Holzschläger, Jäger, Hirten und Bauern in voneinander getrennten Wohnplätzen niederließen. Aus solchen kleinen Siedlungen mögen später Märkte, befestigte Höfe und schließlich die beiden Baronien erwachsen sein.
Im Volksmunde heißt es, Silberwacht sei beinahe tausend Jahre alt. Diese Angabe mag der Wahrheit nahekommen; beweisen lässt sie sich nicht mehr. Die verbindliche Chronik spricht daher von einer viele Jahrhunderte alten Stadt, deren Ursprung möglicherweise nahezu ein Jahrtausend zurückreicht.
Die beiden alten Baronien
Vor der heutigen Markgrafschaft war das Land in zwei Herrschaften geteilt.
Die Baronie Silberwacht
Die Baronie Silberwacht stand unter dem Hause Duskryn. Sie umfasste ungefähr dreihundertneunzig Quadratkilometer und bildete den stärker zur Küste und zum westlichen Teile der Gemarkung gewandten Landesteil.
Zu ihr gehörten:
- die Stadt Silberwacht,
- Grauhafen und seine Küstenflur,
- Schloss Caerdrith und das Plateau des heutigen Caerdrath,
- die westlichen Teile der Weitenmark,
- mehrere Küstenstreifen und Anlandungsplätze am Rande Dornbruchs.
Der Reichtum der Baronie gründete sich auf Seefahrt, Hafenabgaben, Schiffbau, Fischerei, Handel und die Beförderung fremder wie einheimischer Waren. Das Haus Duskryn verstand sich weniger als reines Landadelsgeschlecht denn als Herrschaft von Küste, Schiff und Handelsvertrag.
Wie lange Duskryn bereits über dieses Gebiet herrschte, ist nicht mehr nachweisbar. Die geretteten Hausrollen bezeugen den Besitz über viele Generationen, enthalten jedoch keine ursprüngliche Belehnungsurkunde.
Die Baronie Hollerberg
Die Baronie Hollerberg stand unter dem Hause O’Laughlin. Sie umfasste ungefähr fünfhundertzehn Quadratkilometer und bildete den vornehmlich inländischen Teil des heutigen Gebietes.
Zu ihr gehörten:
- der größte Teil der Weitenmark,
- die östlichen und südöstlichen Binnengebiete,
- weite Teile Dornbruchs,
- zahlreiche Höfe, Mühlen, Brennereien und ländliche Güter,
- Schloss Hollerberg als angestammter Sitz des Hauses O’Laughlin.
Hollerberg lebte von Korn, Vieh, Torf, Holz, Obst, Hopfen und vor allem von der Brennkunst. Der schwere Whisky des Hauses O’Laughlin genoss in Gilneas einen ausgezeichneten Ruf.
Zwischen beiden Baronien bestand über viele Generationen ein Verhältnis gegenseitigen Nutzens. Hollerberg lieferte Korn, Malz, Holz, Torf und Brand; Silberwacht stellte Schiffe, Speicher, Kaufleute und Zugang zu fremden Märkten. Auf Caerdrath bestand bereits damals ein Brand- und Lagerhaus, in welchem Erzeugnisse Hollerbergs für den Handel gelagert, veredelt und verschifft wurden. Aus diesem Betriebe erwuchs später die Hauptdestille der Markgrafschaft.
Die beiden Häuser waren nicht frei von Streitigkeiten über Zölle, Wege und Wasserrechte. Zu einer offenen Fehde kam es vor dem Jahre 43 jedoch nicht.
Silberwacht und Grauhafen
Silberwacht entstand am westlichen Fuße des Berges von Caerdrath. Dort trafen Wege aus dem Binnenlande auf den Zugang zur Küste und auf die Straße hinauf zum Herrensitze. Um Markt, Brunnen und befestigten Hof wuchs über Jahrhunderte eine Stadt.
Der alte Kern entstand ungeordnet. Enge Gassen, unregelmäßige Grundstücke und einzelne Reste früherer Palisaden zeugen noch davon. Breitere Straßen, steinerne Plätze und geordnete Viertel gehören späteren Bauzeiten an. Silberwacht ist daher weder vollkommen geplant noch bloß zufällig gewachsen: Sein alter Leib entstand allmählich, seine späteren Erweiterungen wurden mit größerer Ordnung angelegt.
Grauhafen erwuchs aus einer geschützten natürlichen Bucht. Zunächst lagen dort vermutlich nur Fischerstege und Plätze, an welchen Küstenfahrer Wasser, Salz und Holz aufnahmen. Mit dem Aufstieg des Hauses Duskryn wurden feste Kais, Speicher, Werften, Molen und Verteidigungswerke errichtet.
Auch die Gründungszeit Grauhafens ist unbekannt. Erhaltene fremde Schiffsverzeichnisse bezeugen jedoch, dass der Hafen bereits lange vor der Öffnung des Dunklen Portals als gilnearischer Handelsplatz bekannt war.
Der heutige steinerne Leuchtturm ist nicht der erste Turm an jener Stelle. Ältere Feuerstellen und Fundamentreste zeigen, dass mehrere Vorgängerbauten bestanden. Wann der gegenwärtige Turm errichtet ward, lässt sich nur auf die letzten Jahrhunderte vor dem Falle Gilneas’ eingrenzen.
Caerdrath und Schloss Caerdrith
Das Plateau von Caerdrath war bereits lange vor der Gründung der Markgrafschaft Sitz des Hauses Duskryn. Seine Höhe erlaubte die Beobachtung der Straßen zwischen Küste, Stadt und Binnenland, während die steilen Felswände einen natürlichen Schutz gewährten.
Schloss Caerdrith entstand nicht in einem einzigen Bauzuge. Unter den heutigen Mauern liegen ältere Fundamente eines kleineren Wehrhofes. Der innere Kern, einige Keller und Teile der westlichen Befestigung stammen aus einer früheren Bauzeit als die hohen Wohnflügel, Türme und Repräsentationsräume.
Über die Jahrhunderte ward Caerdrith erweitert:
- aus einem befestigten Hofe wurde eine Burg,
- aus der Burg ein baronialer Herrschaftssitz,
- aus dem Herrschaftssitze eine hochadlige Residenz mit Kanzlei, Wirtschaftshöfen, Stallungen und Wachanlagen.
Beim Falle Gilneas’ wurden Teile des Schlossarchivs vernichtet. Das Gebäude selbst blieb beschädigt, jedoch nicht vollkommen zerstört. Während der langen Abwesenheit des Hauses Duskryn standen manche Teile leer; andere wurden zeitweilig von Zurückgebliebenen, Wachleuten und später von O’Laughlins Gefolge genutzt.
Erst durch die königliche Stiftungsurkunde vom 31. Januar des Jahres 43 erhielt Caerdrath den Rang einer Hochdomäne. Seither bezeichnet der Name nicht nur das Schloss, sondern den gesamten, ungefähr zwanzig Quadratkilometer umfassenden Herrschaftsbezirk mit Residenz, Kanzlei, Wachbauten, Wirtschaftsgebäuden, Destille, Straßen und zugehöriger Dienerschaft.
Die Weitenmark
Die Weitenmark entstand nicht durch eine einmalige Besiedlung, sondern durch jahrhundertelange Rodung, Entwässerung und Bewirtschaftung. Einzelne Höfe wurden zu Weilern, aus Gutssiedlungen erwuchsen Dörfer, und entlang der Bäche entstanden Wasser- und Kornmühlen.
Das Haus O’Laughlin förderte vor allem den Anbau von Gerste, Roggen, Hafer, Hopfen und Obst, da diese Erzeugnisse sowohl der Versorgung als auch der Brennkunst dienten. Das Haus Duskryn sorgte seinerseits für Wege, Speicher und Absatzmöglichkeiten in Grauhafen.
Während der Abschottung Gilneas’ gewann die Weitenmark noch größere Bedeutung. Was früher aus fremden Landen eingeführt worden war, musste nun im eigenen Königreiche erzeugt werden. Felder wurden erweitert, Moore entwässert und Vorratshäuser angelegt.
So ward die Weitenmark zur Kornkammer des Landes. Ihre heutige Fruchtbarkeit ist nicht bloß Gabe der Natur, sondern das Ergebnis vieler Generationen von Bauern, Pächtern, Müllern, Hirten und Gutsverwaltern.
Dornbruch, Friedhof und Mondbrunnen
Dornbruch war niemals ein einzelnes Dorf. Es ist ein ungefähr zweihundertfünfzig Quadratkilometer umfassendes Gebiet aus Mischwald, Bruchwald, Moor, schwarzen Wasserläufen und versteckten Küstenbuchten.
Seine Bevölkerung lebte stets verstreut. Forsthütten, Moorhöfe, kleine Randansiedlungen, Torfplätze, Jagdhäuser und Fischerstellen lagen weit voneinander entfernt. Die geringe Zugänglichkeit des Gebietes erschwerte jede vollständige herrschaftliche Erfassung.
Der Friedhof am Stillgrund
Der alte Friedhof liegt im nördlichen Dornbruch auf einem trockenen, von Moor und Wald umgebenen Geländerücken. Von der südlichen Serpentinenstraße nach Caerdrath zweigt ein alter Begräbnisweg dorthin ab.
Sein Ursprung ist nicht mehr bekannt. Wahrscheinlich diente er mehreren verstreuten Wald- und Moorgemeinschaften als gemeinsamer Bestattungsplatz. Später wurden dort auch unbekannte Tote, Ertrunkene, Reisende und Menschen beigesetzt, deren Heimatfriedhöfe nicht mehr erreichbar waren.
Die Kapelle am Stillgrund war niemals Sitz eines alten geheimen Ordens. Sie diente Totengebeten, Aufbahrungen und der Obhut über den Friedhof. Gegenwärtig wird sie von wenigen Geistlichen, Totengräbern und Friedhofsknechten unterhalten.
Der Mondbrunnen
Der Mondbrunnen ist erheblich jünger als Friedhof und Kapelle. Er entstand im Jahre 28 nach Öffnung des Dunklen Portals, als nachtelfische Druiden den vom Worgenfluche betroffenen Gilneern beistanden.
In einer abgeschiedenen Waldsenke östlich des Friedhofes richteten sie einen stillen Ort für Sammlung, Heilung und die Übungen ein, durch welche betroffene Gilneer ihre Vernunft und Selbstbeherrschung wiederzugewinnen suchten. Der Brunnen vermag den Fluch nicht zu heilen. Er gilt jedoch vielen Worgen als Ort der Ruhe und der Erinnerung an die Hilfe der Kaldorei.
Dass der Brunnen aus einer Zeit vor der menschlichen Besiedlung stamme, ist eine spätere Sage Dornbruchs.
Die Abschottung hinter dem Graumähnenwall
Nach dem Zweiten Kriege ließ König Genn Graumähne sein Reich hinter dem Graumähnenwall verschließen. Gilneas wandte sich von der Allianz und weiten Teilen der Außenwelt ab.
Für die Baronie Silberwacht war dies ein schwerer Einschnitt. Das Haus Duskryn verlor einen erheblichen Teil seines auswärtigen Handels. Schiffe durften nicht mehr nach Belieben verkehren, Verträge erloschen und fremde Kaufleute blieben aus. Grauhafen lebte fortan stärker von Küstenfahrt, Fischerei und dem innergilnearischen Warenverkehr.
Zugleich wuchs der Schmuggel. Verbotene Waren, Briefe und Nachrichten fanden weiterhin ihren Weg über abgelegene Buchten Dornbruchs und durch die Speicher Grauhafens.
Hollerberg litt weniger unmittelbar unter der Abschließung. Seine Landwirtschaft und Brennereien gewannen durch den erhöhten Bedarf des abgeschotteten Königreiches sogar an Bedeutung. Gleichwohl blieben beide Häuser der Krone verbunden und schlossen sich keinem offenen Aufstande gegen Haus Graumähne an.
Die inneren Wirren Gilneas’ gingen an Silberwacht dennoch nicht spurlos vorüber. Einquartierungen, Einberufungen, Vorratsforderungen und die Aufnahme Vertriebener belasteten Stadt und Land.
Fluch, Angriff und Fall Gilneas’
Im Jahre 28 erreichten Worgenfluch, innere Unruhe und Krieg auch die alten Baronien. Während der Angriff der Verlassenen und die durch den Kataklysmus verursachten Verheerungen Gilneas erschütterten, brach die bisherige Ordnung zusammen.
Grauhafen wurde zu einem wichtigen Fluchtpunkte. Handelsschiffe, Fischerboote und Küstenfahrer nahmen Flüchtlinge an Bord. Nicht alle gelangten in Sicherheit. Manche Schiffe gingen verloren, andere wurden zurückgelassen oder versenkt, damit sie dem Feinde nicht in die Hände fielen.
Baron Veyron Althar Duskryn half bei der Räumung und ward während jener Tage am linken Oberarme von einem Worgen gebissen. Seit dem Jahre 28 trägt auch er den Fluch.
Die Bevölkerung Silberwachts teilte sich in drei große Gruppen:
- jene, welche über Grauhafen oder andere Wege ins Exil entkamen,
- jene, welche sich den gilnearischen und nachtelfischen Kräften anschlossen,
- jene, welche in abgelegenen Teilen der Weitenmark und Dornbruchs zurückblieben.
Darum war die Gemarkung niemals vollkommen menschenleer. In Dornbruch, auf entfernten Höfen und in schwer zugänglichen Siedlungen überlebten kleine Gemeinschaften. Sie hielten Felder, Mühlen, Jagdgründe und verborgene Wege notdürftig in Gebrauch.
Silberwacht erlitt Plünderungen und einzelne Brände. Grauhafens Handel brach zusammen, und das Feuer des Leuchtturmes brannte nur noch unregelmäßig. Caerdrath ward geräumt; in den Wirren gingen die alten Archive verloren. Die Weitenmark verwilderte stellenweise, während Dornbruch zum Zufluchtsorte für Flüchtlinge, Gesetzlose und jene ward, die keiner Herrschaft mehr trauten.
Das Exil
Die Häuser Duskryn und O’Laughlin gingen mit ihrer Krone ins Exil. Ein Teil der Bevölkerung fand bei den Nachtelfen Aufnahme, andere Gilneer gelangten nach Sturmwind und in weitere Länder der Allianz.
Das Haus O’Laughlin bewahrte im Exil vor allem die Erinnerung an Hollerberg. Seine Angehörigen betrachteten die Fremde als vorübergehenden Zustand und richteten Besitz, Beziehungen und Familienpolitik auf eine spätere Heimkehr aus.
Das Haus Duskryn hingegen schlug in Sturmwind neue Wurzeln. Sein Wissen um Schiffe, Lagerhaltung und Handel erwies sich dort als wertvoll. Veyron erneuerte alte Verbindungen, schloss neue Verträge und baute die wirtschaftliche Grundlage seines Hauses wieder auf.
Diese Entwicklung stärkte Duskryn, band das Haus jedoch zugleich an Sturmwind. Als eine Rückkehr nach Gilneas wieder möglich erschien, bestand nicht mehr dieselbe Eile wie bei den O’Laughlins.
Der Vierte Krieg
Während des Vierten Krieges standen Gilneer erneut im Dienste der Allianz. Viele, die bereits einmal ihre Heimat verloren hatten, wurden durch die Zerstörung Teldrassils abermals zu Flüchtlingen.
Veyron Althar Duskryn nahm am Kriege teil. Welche einzelnen Feldzüge und Befehle ihm dabei zukamen, ist kein Gegenstand der öffentlichen Landeschronik.
Sein jüngerer Bruder Cedric Vaelor Duskryn fiel im Vierten Kriege. Der genaue Ort und die näheren Umstände seines Todes bleiben Teil der Familienüberlieferung und sind bislang nicht verbindlich festgelegt.
Für Kaelith, Lyrielle, Cairos und Talyra werden keine nachträglichen Kriegstaten erfunden. Soweit ihre persönlichen Erlebnisse später Bedeutung erlangen, gehören diese in ihre jeweiligen Charakterchroniken.
Der Vierte Krieg hinterließ auch wirtschaftliche Folgen. Duskryns Schiffe, Vorräte und Handelsverbindungen wurden für die Versorgung der Allianz beansprucht. Zugleich kamen neue Veteranen, Witwen, Waisen und entwurzelte Gilneer in den Umkreis des Hauses.
Die Rückgewinnung Gilneas’
Als Gilneas schließlich zurückgewonnen ward, kehrten Flüchtlinge, frühere Amtsträger und Adelsfamilien in ihre Heimat zurück. Königin Tess Graumähne übernahm die Herrschaft über ein Reich, dessen Land zwar wiedergewonnen, dessen Ordnung jedoch noch keineswegs überall wiederhergestellt war.
Straßen mussten geöffnet, Gebäude gesichert, Besitzansprüche geprüft und alte Rechte bestätigt werden. Manche Güter standen leer, andere waren seit Jahren von Zurückgebliebenen oder neuen Bewohnern genutzt worden.
Kerill O’Laughlin gehörte zu den ersten Herren, welche in die südöstlichen Gebiete zurückkehrten. Er nahm Schloss Hollerberg, die Brennereien und die alten Güter seines Hauses wieder in Besitz. Hierzu besaß er ein anerkennenswertes Erbrecht.
Doch Kerill ging weiter.
Da Veyron Duskryn noch in Sturmwind weilte, erklärte Kerill die Baronie Silberwacht für verlassen. Er ließ Duskryns Grenzen versetzen, Beamte einsetzen, Speicher versiegeln und Schloss Caerdrith besetzen. Schließlich nahm er eigenmächtig den Titel eines Markgrafen über beide Herrschaften an.
Für diesen Titel besaß er weder königliche Bestätigung noch ein Erbrecht.
Die Einungsnacht
Als Veyron von Kerills Vorgehen erfuhr, entschied er sich zur Heimkehr. Er sammelte den Orden vom Duskveil, Veteranen seines Hauses, Seeleute und bewährte Gefolgsleute.
In der Nacht vom 17. auf den 18. Januar des Jahres 43 lief seine Flotte unter gedämpften Laternen in die Gewässer der alten Baronie ein. Ortskundige Lotsen und treue Leute aus Grauhafen führten die Schiffe durch die winterliche Küste.
Veyron führte keinen Krieg gegen die Bevölkerung. Sein Angriff richtete sich gegen Kerill, dessen Familie und die unmittelbar an der Besetzung beteiligten Bewaffneten.
Noch vor Tagesanbruch drangen Duskryns Leute durch alte Zugänge in Schloss Caerdrith ein. Die äußeren Wachen wurden überwältigt, Seitentore geöffnet und der innere Hof besetzt, ehe eine geordnete Verteidigung zustande kam.
Kerill O’Laughlin starb im großen Saale von Schloss Caerdrith, den er während der Besetzung zu seinem eigenen Herrschaftssaale gemacht hatte. Veyron stellte ihn vor Zeugen und gab ihm Gelegenheit, sich mit der Waffe zu verteidigen.
Auch Kerills ältester Sohn, sein jüngerer Bruder und die übrigen erwachsenen Angehörigen des Hauses kamen während der Einnahme ums Leben. Mit dem Morgen des 18. Januar war die regierende Linie O’Laughlin erloschen.
Die Städte blieben verschont. Speicher, Werkstätten, Bauernhöfe und gewöhnliche Wohnhäuser wurden nicht geplündert. Wer die Waffen niederlegte und nicht zum engeren Kreise der Besetzung gehörte, durfte nach Hause gehen.
Der 18. Januar wird seither als Einungsnacht bezeichnet. Der Name verhüllt nicht, dass die Einung mit Blut erkauft ward.
Die königliche Entscheidung
Veyrons Sieg machte ihn zum tatsächlichen Herrn beider Baronien, nicht aber von selbst zum rechtmäßigen Markgrafen.
Königin Tess Graumähne ließ die Vorgänge untersuchen. Dabei wurden drei Rechtsverhältnisse voneinander geschieden:
- Das Erbrecht des Hauses Duskryn auf die Baronie Silberwacht wurde bestätigt.
- Kerills eigenmächtige Aneignung fremden Landes und Titels wurde als widerrechtlich verworfen.
- Die erloschene Baronie Hollerberg fiel zunächst an die gilnearische Krone zurück.
Die Krone billigte nicht ausdrücklich jede einzelne Tötung der Einungsnacht. Sie erkannte jedoch, dass eine neuerliche Teilung oder langwierige Fehde das kaum zurückgewonnene Land abermals ins Verderben gestürzt hätte.
Am 31. Januar des Jahres 43 vereinigte Königin Tess die Baronie Silberwacht und das heimgefallene Hollerberg durch königliche Urkunde zur Markgrafschaft Silberwacht. Veyron Althar Duskryn ward mit der neuen Mark belehnt und leistete der Königin seinen Eid.
Dieses Datum ist der rechtliche Gründungstag der Markgrafschaft.
Zugleich entsandte die Königin Gräfin Evelyn Thorne mit einem besonderen Auftrage. Sie sollte den Wiederaufbau der Verwaltung stützen, die Stadt Silberwacht ordnen, die königlichen Interessen wahren und darüber befinden helfen, welche alten Ämter, Abgaben und Besitzrechte fortgelten konnten.
Damit war Evelyn Thorne zugleich Hilfe und Aufsicht.
Das Schicksal des Hauses O’Laughlin
Mit dem Tode seiner Angehörigen erlosch das herrschende Haus O’Laughlin. Ein anerkannter Seitenzweig oder erbberechtigter Nachkomme besteht nicht.
Die Lehen Hollerbergs fielen an die Krone und wurden sodann Bestandteil der neuen Markgrafschaft. Bewegliche Güter, Familienpapiere und persönliche Kostbarkeiten wurden versiegelt und aufgenommen. Bedienstete, Pächter und Handwerker verloren nicht allein aufgrund ihres früheren Dienstherrn ihre Rechte.
Schloss Hollerberg blieb zunächst unter Verschluss. Seine Wirtschaftshöfe, Kornspeicher und Brennereien wurden weitergeführt, damit weder Ernte noch Vorräte verdarben. Die Brennrechte, Lager und Handelsnamen Hollerbergs gingen später in die markgräfliche Verwaltung über.
Die Hauptveredelung und der Ausfuhrbrand wurden nach Caerdrath verlegt. Daraus entstand die heutige markgräfliche Hauptdestille.
Die unmittelbaren Folgen der Vereinigung
In den ersten Monaten der neuen Herrschaft wurden die alten Grenzen der beiden Baronien als Verwaltungsgrenzen aufgehoben. Bestehende Hof-, Pacht- und Nutzungsrechte blieben vorläufig bestehen, bis sie geprüft werden konnten.
Zu den ersten Maßnahmen gehörten:
- die Aufnahme der Bevölkerung und der bewohnten Güter,
- die Sicherung von Korn, Saatgut und Vieh,
- die Wiedereröffnung wichtiger Straßen und Brücken,
- die Prüfung alter Besitzansprüche,
- die Neuordnung von Zöllen und Abgaben,
- die Zusammenführung der Stadt- und Landwachen,
- die Wiederbesetzung von Gerichten und Schreibstuben,
- die Sicherung Grauhafens und seiner Hafenanlagen,
- die Wiederherstellung der herrschaftlichen Gewalt in Dornbruch.
O’Laughlins Amtsträger wurden nicht insgesamt verstoßen. Wer Kerills eigenmächtigen Titel nicht selbst betrieben hatte und der neuen Ordnung den Eid leistete, konnte im Dienste bleiben. Andere wurden abgesetzt oder vor Gericht gestellt.
Auf diese Weise ward verhindert, dass der Herrschaftswechsel die tägliche Versorgung des Landes vollkommen zerriss.