Die Trennung von IC und OOC
Charakter und Spieler sind nicht dasselbe
Die strikte Trennung zwischen dem Geschehen innerhalb des Rollenspieles und dem Umgang der Spieler miteinander gehört zu den wichtigsten Grundlagen Silberwachts. Charaktere dürfen einander ablehnen, beleidigen, betrügen, bekämpfen oder erbittert verfeindet sein, ohne dass daraus eine Feindschaft zwischen den Menschen hinter diesen Figuren erwächst.
Eine Handlung, Meinung oder Haltung eines Charakters ist nicht ohne Weiteres die Handlung, Meinung oder Haltung seines Spielers. Wer einen grausamen Verbrecher, einen hochmütigen Adligen, einen strengen Wachmann oder einen fanatischen Geistlichen verkörpert, macht sich dessen Ansichten nicht zu eigen. Ebenso ist eine gegen einen Charakter gerichtete Maßnahme kein persönlicher Angriff auf dessen Spieler.
Gerade ein ernstes und konsequentes Rollenspiel verlangt, dass diese Unterscheidung verlässlich gewahrt bleibt. Nur wenn die Spieler einander außerhalb des Spieles vertrauen, können ihre Charaktere innerhalb der Geschichte glaubwürdig miteinander streiten.
IC-Konflikte bleiben im Charakterspiel
Ein Konflikt, der im Rollenspiele entsteht, soll grundsätzlich auch dort ausgetragen und gelöst werden. Nicht jede Beleidigung, Drohung, Festnahme, Zurückweisung oder Niederlage muss außerhalb des Spieles erklärt, gerechtfertigt und verhandelt werden. Die beteiligten Charaktere dürfen handeln, irren und aufeinander reagieren, ohne dass jede unerwünschte Entwicklung sogleich eine OOC-Aussprache verlangt.
Eine OOC-Besprechung eines IC-Konfliktes soll lediglich in einem wirklichen Ausnahmefalle stattfinden. Ein solcher Ausnahmefall liegt insbesondere dann vor, wenn eine notwendige Verständnisfrage besteht, eine persönliche Grenze berührt wird oder ein tatsächliches Regelproblem vermutet werden muss. Selbst dann soll das Gespräch sachlich bleiben und sich auf die Klärung des konkreten Problems beschränken.
Das nachträgliche Aushandeln eines günstigeren Ergebnisses, die Forderung nach einer Rechtfertigung jeder IC-Entscheidung oder der Versuch, glaubwürdige Folgen durch OOC-Druck abzuwenden, gehören nicht zu solchen Ausnahmefällen. Im Regelfalle sollte eine OOC-Besprechung des IC-Konfliktes gar nicht notwendig sein.
OOC-Streit wird nicht in das Spiel getragen
Persönliche Meinungsverschiedenheiten zwischen Spielern dürfen weder auf deren Charaktere noch auf neue Begegnungen übertragen werden. Ein Spieler darf eine Figur nicht allein deshalb ablehnen, benachteiligen oder angreifen, weil er mit dem Menschen dahinter früher im Streite lag.
Dies gilt ebenso für andere Charaktere desselben Spielers. Eine frühere OOC-Auseinandersetzung ist kein IC-Wissen und kein glaubwürdiger Grund für Misstrauen, Feindschaft oder Ausgrenzung. Jeder Charakter und jede Begegnung sollen zunächst nach dem beurteilt werden, was tatsächlich im Spiele geschieht.
Ebenso unzulässig ist es, IC-Machtmittel zur Austragung eines OOC-Streites zu missbrauchen. Ämter, gesellschaftlicher Einfluss, Ermittlungen, Gerichtsverfahren oder institutionelle Gewalt dürfen niemals dazu dienen, einen Spieler persönlich zu treffen oder aus dem Rollenspiele zu verdrängen.
Spielerwissen ist kein Charakterwissen
Ein Spieler kann vieles wissen, was seinem Charakter unbekannt ist. Dazu gehören geheime Pläne, verborgene Beziehungen, wahre Identitäten, Hintergründe anderer Figuren sowie Vorgänge, die der eigene Charakter weder beobachtet noch auf glaubwürdigem Wege erfahren hat. Solches Wissen darf nicht ohne Weiteres in die Entscheidungen des Charakters einfließen.
Ein Charakter soll nur auf jene Kenntnisse zurückgreifen, die er selbst erlangt hat oder die ihm durch eine nachvollziehbare Quelle zugetragen wurden. Ein bloßer OOC-Hinweis, ein fremdes Charakterprofil oder das Wissen aus einer anderen ausgespielten Szene schaffen keine solche Kenntnis.
Wo bestimmtes Wissen erforderlich ist, um eine Geschichte voranzubringen oder neues Spiel zu ermöglichen, kann es mit großer Vorsicht als Gerücht in das Charakterspiel eingebracht werden. Ein solches Gerücht muss jedoch einen denkbaren Weg genommen haben und als ungesicherte Nachricht behandelt werden. Aus vorsichtig verwendetem Spielerwissen darf keine unangreifbare IC-Gewissheit entstehen.
Die Person hinter einem Charakter
Es lässt sich nicht gänzlich verhindern, dass Spieler erfahren, wer hinter einem bestimmten Charakter steht. Die gezielte Erforschung, Sammlung oder Verbreitung solcher Informationen ist in Silberwacht jedoch nicht gern gesehen.
Entscheidend soll sein, welcher Charakter vor einem steht und was dieser im gegenwärtigen Spiele tut – nicht, welche anderen Figuren sein Spieler führt, mit wem er früher gestritten hat oder welcher Ruf ihm außerhalb des Spieles vorausgeeilt ist. Wer zunächst nach der Person hinter einer Figur forscht, läuft Gefahr, eine Begegnung bereits vor ihrem Beginne mit OOC-Erwartungen und alten Urteilen zu belasten.
Daher erwarten wir, dass Charaktere unvoreingenommen nach ihrem tatsächlichen Verhalten beurteilt werden. Frühere Erfahrungen dürfen nicht ungeprüft auf jede neue Figur desselben Spielers übertragen werden.
Gerüchte und Behauptungen über Spieler
Private Nachrichten, Gerüchte und Behauptungen über andere Spieler sollen nicht zur Grundlage des eigenen Verhaltens gemacht werden. Wer versucht, andere im Vorhinein gegen eine Person einzunehmen, trägt einen OOC-Konflikt in die Gemeinschaft und erschwert unbefangenes gemeinsames Spiel.
Im Zweifel soll sich jeder ein eigenes Bild machen und eine eigene Meinung bilden. Erzählungen aus zweiter oder dritter Hand können unvollständig, einseitig oder längst überholt sein. Menschen können Fehler erkennen, sich weiterentwickeln und im Laufe der Jahre verändern. Was vor langer Zeit geschehen oder bedeutsam gewesen sein mag, muss daher nicht notwendig etwas über das heutige Verhalten eines Menschen aussagen.
Dies bedeutet nicht, dass ernsthafte gegenwärtige Gefahren verschwiegen werden müssen. Solche Fälle gehören jedoch unmittelbar und vertraulich vor die Spielleitung und dürfen nicht zum Gegenstand von Gerüchten oder öffentlicher Stimmungsmache werden.
Wann die Spielleitung hinzugezogen wird
Wird die Trennung zwischen IC und OOC verletzt, ist die Spielleitung hinzuzuziehen. Dasselbe gilt für sämtliche OOC-Streitigkeiten innerhalb der Gemeinschaft. Sobald aus einer sachlichen Verständnisfrage ein persönlicher Konflikt entsteht, soll dieser nicht im öffentlichen Raume, durch private Lagerbildung oder mittels des Charakterspieles ausgetragen werden.
Die Beteiligten legen der Spielleitung den Vorgang möglichst vollständig und sachlich dar. Diese hört die betroffenen Seiten an, prüft den Zusammenhang und entscheidet über das weitere Vorgehen. Ziel ist zunächst eine klare und faire Klärung; bei schweren oder wiederholten Verstößen können jedoch auch OOC-Maßnahmen notwendig werden.
IC-Konflikte gehören nur dann vor die Spielleitung, wenn ein Regelverstoß, eine Verletzung persönlicher Grenzen, ein Missbrauch von OOC-Wissen oder eine andere Störung der gemeinsamen Grundlagen vorliegt. Die Spielleitung ist nicht dazu bestimmt, jede Auseinandersetzung zwischen Charakteren zu schlichten oder einem Beteiligten das gewünschte Ergebnis zu verschaffen.
Kein öffentliches Anprangern
Das öffentliche Anprangern eines Spielers gilt als Regelverstoß. Anschuldigungen, private Streitigkeiten, aus dem Zusammenhange gelöste Nachrichten oder persönliche Wertungen dürfen nicht öffentlich verbreitet werden, um andere gegen einen Menschen aufzubringen.
Wer ein ernsthaftes Problem erkennt, wendet sich vertraulich an die Spielleitung und legt die vorhandenen Tatsachen vor. Diese prüft den Fall, statt dass die Gemeinschaft durch Gerüchte, Lagerbildung und öffentliche Verurteilungen zu einem Urteile gedrängt wird.
Eine eng begrenzte Ausnahme kann nur bestehen, wenn eine gegenwärtige und unmittelbare Gefahr für andere Personen abgewendet werden muss. Auch dann dürfen nur jene Informationen weitergegeben werden, die zum Schutze anderer tatsächlich erforderlich sind. Eine solche Warnung ist kein Freibrief für öffentliche Abrechnung, Demütigung oder die Verbreitung unnötiger Einzelheiten.
Persönliche Grenzen gehen vor
Jeder Beteiligte darf eine Szene OOC unterbrechen, sobald eine persönliche Grenze berührt wird oder eine Situation außerhalb des Spieles unzumutbar wird. Eine solche Unterbrechung ist zu achten. Niemand muss intime oder persönliche Gründe offenlegen, um eine Grenze geltend machen zu dürfen.
Die Beteiligten klären sodann, gegebenenfalls unter Hinzuziehung der Spielleitung, ob die Szene angepasst, übersprungen, abgebrochen oder auf andere Weise fortgeführt werden kann. Eine persönliche Grenze ist kein Gegenstand der Diskussion und darf weder lächerlich gemacht noch als mangelnde Bereitschaft zum Konsequenzspiele ausgelegt werden.
Die Unterbrechung einer Szene hebt jedoch nicht automatisch jede bereits entstandene oder unerwünschte IC-Folge auf. Persönlicher Schutz und erzählerische Konsequenz sind voneinander zu unterscheiden. Die konkrete Darstellung einer Situation kann beendet oder verändert werden, während sich für den Charakter dennoch eine glaubwürdige Folge aus seinem vorherigen Handeln ergibt.
Eine Grenze darf daher jederzeit eine Darstellungsform beenden, soll aber nicht nachträglich als Mittel gebraucht werden, um jede missliebige Entwicklung des Charakterspieles für ungültig zu erklären. Wo beides miteinander in Widerstreit gerät, entscheidet die Spielleitung über eine Lösung, welche die persönliche Grenze wahrt und zugleich die gemeinsame Geschichte nicht willkürlich entwertet.