Das Haus Duskryn

Das Haus Duskryn ist das herrschende Haus der Markgrafschaft Silberwacht und steht seit der Rückkehr nach Gilneas an der Spitze jener Lande, die heute unter dem Namen Silberwacht vereint sind. Sein Ursprung reicht weit vor Fluch, Flucht und Wiederkehr zurück. Vor rund fünfhundert Jahren wurde das Geschlecht durch Verdienst und Treue gegenüber dem Hause Graumähne in den Rang eines Baronshauses erhoben und mit einer kleineren Küstenbaronie bedacht.

Aus dieser Herkunft erwuchs der alte Charakter der Duskryn. Sie waren nie ein Haus großer höfischer Leichtfertigkeit, sondern ein Geschlecht rauher Gestade, salziger Winde, fester Wehrhöfe und schweigsamer Pflichterfüllung. Wer an der Küste herrscht, lernt früh, daß Nachlässigkeit Leben kostet. Ein Feuer, das im Sturm erlischt, ein Tor, das zu spät geschlossen wird, ein Eid, der zur Unzeit bricht, kann über Bestand oder Untergang entscheiden. So wurden die Duskryn über die Jahrhunderte zu einem Haus, das weniger durch freundlichen Glanz als durch Verläßlichkeit, Wacht und eiserne Haltung bekannt ward.

Ihre Tugenden sind seit alters her schlicht, doch schwer zu tragen: Treue, Selbstbeherrschung, Wehrhaftigkeit, Verschwiegenheit und Pflichterfüllung. Ein Duskryn soll sein Wort nicht leicht geben, doch wenn er es gibt, so soll es halten. Er soll Zorn, Schmerz und Furcht nicht ungezügelt vor die Welt tragen. Er soll wissen, wie man eine Klinge führt, auch wenn seine Neigung eher bei Buch, Gebet oder Lied liegt. Und er soll verstehen, daß nicht alles, was wahr ist, auch laut gesprochen werden muß.

Mit der Rückkehr nach Gilneas wurde aus dem alten Baronshaus ein markgräfliches Herrscherhaus. Doch dieser Weg war nicht frei von Blut. Als Baron Kerill O’laughlin die Abwesenheit der Duskryn nutzte und nach deren alten Landen griff, kehrte Veyron Althar Duskryn nicht als Bittsteller zurück. Er kam mit Anspruch, Gefolge und Stahl. Was folgte, wird von den einen als gerechte Wiederherstellung alten Rechtes betrachtet, von den anderen mit gesenkter Stimme als Auslöschung eines Hauses erinnert. Die Krone bestätigte Veyrons Herrschaft und die Vereinigung der Lande zur Markgrafschaft Silberwacht, doch bis heute liegt ein schwerer Satz über dem Hause:

Die Mark ward durch Recht gewonnen, doch durch Blut befestigt.

 

An der Spitze des Hauses steht heute Veyron Althar Duskryn, Markgraf von Silberwacht. Ein Mann von strenger Gestalt, hohem Wuchs und unnachgiebigem Blick. Wer ihm gegenübertritt, erkennt rasch, daß er kein Herr ist, der sich mit schönen Worten lenken läßt. Veyron verkörpert die alte Härte seines Geschlechtes in beinahe reiner Form. Er ist ein Mann der Ordnung, der Pflicht und der Konsequenz. Man mag ihn achten, fürchten oder beides zugleich, doch kaum einer wird ihn leichtfertig nennen.

An seiner Seite stand einst Maerwyn Selara Duskryn, seine Gemahlin. Was als politische Ehe begann, wurde mit den Jahren zu jenem stillen Band, das nicht großer Worte bedarf. Maerwyn war nicht die laute Stimme des Hauses, sondern seine milde Mitte. Wo Veyron urteilte, wog sie. Wo Härte drohte, erinnerte sie an Maß. Sie war von vornehmer Würde, klarem Geist und jener ruhigen Kraft, welche einem Hof mehr Halt geben kann als jede Drohung.

Ihr Tod bei der Geburt der jüngsten Tochter Talyra Isolde riß eine Wunde in das Haus, die nie ganz verheilte. Niemand spricht Talyra Schuld zu, und doch ist ihr Leben untrennbar mit dem Verlust der Mutter verbunden. Seit Maerwyns Tod heißt es unter jenen, die das Haus länger kennen, Silberwacht sei kälter geworden. Nicht schwächer. Nicht ungeordneter. Aber kälter.

 

Der Erbe des Hauses ist Kaelith Draven Duskryn, der erstgeborene Sohn Veyrons und Maerwyns. Von Kindheit an ward er auf die Nachfolge vorbereitet. Seine Pagenzeit begann im siebten Lebensjahr, seine Knappenzeit im vierzehnten, seine Schwertleite empfing er mit einundzwanzig Jahren. Nach außen gleicht er seinem Vater in Disziplin, Strenge und Haltung. Doch wer tiefer zu blicken vermag, findet unter der Rüstung einen Mann von feinerem Klang. Kaelith ist ein Meister der Minne, auch wenn er diese sanfte Seite nur selten zeigt. In ihm streiten Pflicht und Herz, Erbe und Sehnsucht, Wolf und Lied.

Die übrigen Kinder des Hauses bleiben vorerst weniger im öffentlichen Licht. Lyriell Serana Duskryn, Cairos Veyden Duskryn und Talyra Isolde Duskryn tragen gleichwohl ihren Teil am Gefüge des Hauses. Die Töchter wurden, wie es ihrem Stand entspricht, auf künftige Heiratsbündnisse vorbereitet, wobei Talyra sich mehr und mehr dem geistlichen Weg zuneigt. Cairos Veyden, der zweitgeborene Sohn, durchlief auf ausdrücklichen Willen seines Vaters ebenfalls die ritterliche Ausbildung, doch sein Geist sucht eher Bücher, Chroniken und Gelehrsamkeit als Turnierglanz und Waffenruhm.

Der Worgenfluch hat das Haus Duskryn verändert, doch er hat es nicht erschaffen. Die Duskryn waren schon Duskryn, lange bevor der Wolf in ihr Blut trat. Gerade darum betrachten sie den Fluch nicht als Ursprung ihrer Macht, sondern als Bürde, Waffe und Mahnung. Selbstbeherrschung ist im Hause kein höfisches Spiel, sondern Notwendigkeit. Wer die Bestie in sich trägt, muß um so mehr Herr seiner selbst sein.

 

Das Wappen und die Farben der heutigen Silberwacht zeigen, wofür das Haus in seiner markgräflichen Würde steht: Purpur für Herrschaft und alten Adel, Gold für Treue und königliche Bestätigung, Schwarz für Verschwiegenheit und Schatten, Rot für Blut und Opfer, Silber und Stahlgrau für Klinge, Recht und kalte Standhaftigkeit. Über allem wacht der dunkle Rabe, Sinnbild von Klugheit, Gedächtnis und der Wacht über das, was andere lieber vergessen.

Zum Haus gehört auch ein Verlust, der noch nicht vollends aufgeklärt ist: Das alte Buch der Chroniken des Hauses Duskryn ist verloren gegangen. In ihm lagen einst Ahnenlinien, Grenzrechte, alte Eide und vielleicht Wahrheiten, die heute niemand mehr mit Sicherheit zu nennen vermag. So bleibt selbst ein Haus von fünfhundert Jahren nicht frei von Lücken in seiner eigenen Erinnerung.

Als bekanntes Vasallenhaus steht derzeit besonders Haus Thorne an der Seite der Duskryn. Gräfin Evelyn Thorne verwaltet die Stadt Silberwacht als Vasallenlehen und gilt als rechte Hand des Markgrafen. Durch sie reicht der Wille des Hauses Duskryn tief in die Amtsstuben, Straßen und Hallen der Stadt hinein.

Haus Duskryn ist somit kein leichtes, helles Geschlecht. Es ist ein Haus aus Küstenwind, Stahl, Eid und Schweigen. Rechtmäßig in seiner Herrschaft, doch nicht unbefleckt in seinem Weg dorthin. Stark in seiner Ordnung, doch verwundet im Innern. Wer unter seinem Banner steht, findet Schutz, Rang und klare Gesetze. Wer ihm aber Treue schwört, soll wissen: Im Hause Duskryn wiegt ein Eid schwerer als Blut, und Pflicht schwerer als Wunsch.